40 Jahre Tarifentwicklung

Sonstiges, worüber man sich das "Maul" zerreisen kann.
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40 Jahre Tarifentwicklung

Beitrag von Vielfahrer » So 26. Aug 2018, 09:42

Hallo,

beim Aufräumen ist mir gerade ein DB-Preisprospekt aus dem Jahr 1977 in die Hände gefallen. Die Fahrpreise waren damals noch sehr günstig. Meine Fahrkarte, mit der ich seit Jahrzehnten reise (persönliche Jahresnetzkarte für das gesamte Streckennetz 1. Klasse) kostete damals 5.900 DM (entspricht 3.012,82 €), heute hingegen 7.225 €. Wie ich nachgerechnet habe, entspricht dies einer jährlichen Steigerung um 2,155 %, wobei ich die Leistungsverbesserungen (z.B. Gültigkeit in vielen Städten auch in deren Verkehrsmitteln oder kostenlose Mitnahme eines Fahrrads, kostenlose Zeitungen ja nach Auswahl, kostenloser Zugang zu DB-Lounges usw.) noch nicht einmal berechnet habe. Auch den deutlich höheren Komfort und die erheblich kürzeren Reisezeiten sowie die stark verbesserten Verbindungen auch noch zu Tagesrandlagen habe ich hierbei außer Acht gelassen. Unter dem Strich also kann ich nicht unzufrieden sein.

Anders sieht der Blick auf die normalen Tarife aus. Eine Fahrt von Schwenningen nach Villingen kostete damals 1,20 DM (in der 2. Klasse), also 61,4 Ct. Bei gleicher Preissteigerung wie bei meiner Jahresnetzkarte dürfte sie heute 1,47 € kosten. Der tatsächliche Preis beträgt jedoch 2,30 €, also errechnet sich eine durchschnittliche jährliche Steigerung des Preises um 3,3 %. Dieser vergleichsweise teure Fahrpreis wäre indes noch viel höher, wenn nicht zur Gründungszeit des VSB im Jahre 2000 das Tarifniveau durch Zuschüsse des Landkreises und des Landes kräftig abgesenkt worden wären. Es waren damals ca. 25%. Ohne diese einmalige Niveauabsenkung wäre die jährliche Teuerung bei fast 5% pro Jahr.

Krass ist auch der Vergleich bei der Relation St. Georgen – Villingen. Damals kostete das 1,80 DM oder 0,92 €. Der heutige Preis beträgt satte 5,20 € für die gleiche Relation und ist nur möglich, weil er mithilfe des Landes und des Landkreises im Jahr 2000 um ca. 25% reduziert wurde.

Die Strecke Tuttlingen – Immendingen kostete damals 1,20 DM oder 62,4 Ct, heute 3,40 €, ist also trotz Subvention von Landkreis und Land mehr als fünfmal so teuer wie früher geworden. Gut, die Leistungen sind auch nicht mehr vergleichbar. Früher verkehrten nur wenige Züge und ansonsten nur langsame Buslinien, während heute stündlich ein Ringzug und zweistündlich (ab 2019 wohl stündlich) ein RE verkehrt und außerdem die Fahrkarte nicht nur von Bahnhof bis Bahnhof sondern beispielsweise auch im gesamten Tuttlinger Stadtgebiet gilt.

Mein Fazit lautet allerdings, dass im Nahverkehr insgesamt die Preise recht stark gestiegen sind, während der vielgeschmähte Fernverkehr der DB doch nur – über die Jahrzehnte hinweg betrachtet – moderate Erhöhungen aufzuweisen hat.

Viele Grüße vom Vielfahrer

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Re: 40 Jahre Tarifentwicklung

Beitrag von Bahner » Mo 27. Aug 2018, 07:42

Der VSB ist sowieso der teuerste Verkehrsverbund, hier stimmt das Verhältnis von Strecke und Preis überhaupt nicht.

Zum Vergleich:

Löffingen - Breisach 5,70€

St. Georgen - Villingen 5,20€

Man vergleiche hier mal die Kilometer.

Das ist eine Frechheit und zeigt deutlich auf, dass die Klein-klein Tarifstruktur der Verbünde nicht mehr zeitgemäß ist.

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Re: 40 Jahre Tarifentwicklung

Beitrag von Vielfahrer » Mo 27. Aug 2018, 19:31

Hallo Bahner,

dass insbesondere die Nahverkehrstarife (Einzelfahrscheine) sehr hoch sind, steht außer Zweifel. Allerdings handelt es sich um Zonentarife und nicht um Entfernungstarife. So etwa kostet die viel längere Strecke von Trossingen Bahnhof nach Herzogenweiler über Villingen 2,30 €, während die wesentlich kürzere Strecke St. Georgen - Villingen (wie aber auch St. Georgen - Trossingen Bahnhof) auf 5,20 € kommt. Mit am teuersten dürfte die Strecke Kirchdorf - Villingen sein. Sie quert eine Zonengrenze, also ist für die 5 km der Preis für 2 Zonen erforderlich (3,50 €). Ähnlich liegt der Fall bei der Verbindung vom Bad Dürrheimer Gewerbegebiet zum Eisstadion in Schwenningen. Im Falle St. Georgens ist es nach meinen Beobachtungen so, dass durchaus viele Fahrgäste der Schwarzwaldbahn am Bahnhof St. Georgen noch auf den Bus in Richtung Stadtmitte - Technologiezentrum - Halde umsteigen und deswegen von der Zonengestaltung einen Nutzen haben. Beim Beispiel Löffingen - Breisach verhält es sich so, dass die günstigen Regiotarife nur dadurch möglich sind, dass beachtliche finanzielle Mittel der Gebietskörperschaften in den Tarif gesteckt werden. Dafür wird nichts in das Angebot gesteckt. Hier vor Ort stecken die finanziellen Mittel bislang eher in dichten Verkehrsangeboten. Trotzdem, da stimme ich Dir zu, ist ein Reformbedarf in tariflicher Hinsicht gegeben. Aus diesem Grund werden auch entsprechende Reformüberlegungen grundsätzlicher Art angestellt.



Viele Grüße vom Vielfahrer

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Re: 40 Jahre Tarifentwicklung

Beitrag von Bahner » Mo 27. Aug 2018, 20:46

Mir ist klar, dass dafür die Tarifzonen verantwortlich sind.
Aber das ist eben der Nachteil an einem kleinen Verkehrsverbund wie dem VSB.

Dem Kunde ist das aber egal wer wie viele Zonen und Zuschüsse erhält.
Er vergleicht ganz plump die Entfernung und den dazugehörigen Preis.

Es wird dringend Zeit , dass sich die Landkreise von ihrem Kleinstaatengehabe trennen und ein Landestarif eingeführt wird.
Wie weit sind hier eigentlich die Planungen für einen BW-Tarif??

Verbund Okay, so lange es nicht alle 30 km neue Tarife und Regelungen gibt.
Schleswig-Holstein sehe ich hier als Vorbild.

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Re: 40 Jahre Tarifentwicklung

Beitrag von Fridinger » Mo 27. Aug 2018, 21:24

Eine ähnliche Lösung wie S-H steckt bei uns ja in den Startlöchern - zum Dezember soll die erste Stufe des Baden-Württemberg-Tarifes an den Start gehen. Dabei wird zuerst der DB-Tarif abgelöst, wodurch man nun durchgängig verbundübergreifend Fahrscheine lösen kann (z.B. von St Georgen-Sommerau nach Immendingen-Hintschingen). Innerhalb der Verbünde bleibt alles gleich, perspektiv soll aber auch das dann wegfallen.

Wer genau hinschaut - die momentan von DB Vertrieb neu aufgestellten Scheidt&Bachmann-Automaten sind nichtmehr in den DB-Farben, sondern (wie bei den Fahrzeugen) im Landesdesign. Nur die HzL-Zollernbahn und neu das Seehäsle sowie das Murgtal soll alte Höft&Wessel-Automaten bekommen, die noch gut laufen (kann man nach bald 10 Jahren auch nichtmehr von allen sagen).
Diese Signatur verspätet sich aufgrund von Verzögerungen im Betriebsablauf um wenige Minuten.

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Re: 40 Jahre Tarifentwicklung

Beitrag von Vielfahrer » Mo 27. Aug 2018, 22:24

Hallo Fridinger,

von St. Georgen-Sommerau nach Immendingen-Hintschingen kann ein Kunde bereits seit September 2003 eine einzige Fahrkarte kaufen (sog. 3er-Tarif). Das Land hatte nämlich seinerzeit es zur Bedingung bei der Förderung des Ringzugs gemacht, dass von jeder (Bus-) Haltestelle in einem der drei Landkreise Rottweil, Schwarzwald-Baar-Kreis und Tuttlingen zu jeder anderen (Bus-) Haltestelle das Lösen nur 1 Fahrausweises möglich sein muss. Die Paradebeispiele dazu lauten immer von Kaltenbrunn nach Volkertsweiler, von Fützen nach Sulz oder von Irndorf nach Gütenbach. Der Tarif sieht das vor, bloß ob es der Busfahrer hinkriegt, das ist eine andere Frage. Was also im Dreier-Verbund schon immer klappt, das soll nun landesweit möglich werden. Im ersten Schritt sollen von allen Bahnstationen (Regiobuslinien sind Bahnlinien gleichgestellt) Verkäufe in die Fläche möglich sein, also zum Beispiel von Immendingen-Zimmern zum Stuttgarter Fernsehturm. Umgekehrt wird das wohl noch nicht sofort gehen, weil die Verkaufsgeräte in den Bussen das (noch) nicht können. In der Stufe 2 soll aber von jeder Haltestelle im Ländle zu jeder anderen Haltestelle im Ländle eine Fahrkarte gekauft werden können. Das wäre dann fast der Baden-Württemberg-Verbund.

Weil nun aber die bestehenden Verbünde ein Großteil des Verkehrsaufkommens in der Regel gut abwickeln, soll dieser Landestarif nur bei verbundüberschreitenden Fahrbeziehungen gelten. Verbundintern wird wie bisher der jeweilige Verbundtarif gelten. Beim 3er-Tarif ist es so, dass ca. 10% der Fahrten im 3er-Tarif abgewickelt werden und 90% im jeweiligen Verbundtarif. Das hängt damit zusammen, dass z.B. die mittlere Reiseweite im Nahverkehr irgendwo in der Größenordnung von 8 Kilometern liegt. Dabei darf man allerdings keinen Hehl daraus machen, dass das Land wie auch viele andere der Auffassung sind, dass 22 Verbünde mindestens ein paar zuviel für Baden-Württemberg sind. Aus diesem Grund gibt es seitens des Landes starke finanzielle Anreize, dass sich Verbünde freiwillig zusammenschließen. Beispielsweise wird überlegt, dass VVR, VSB, TUTicket und ggf. noch der VHB unter ein Dach schlupfen könnten. Westlich davon gäbe es dann den ZRF mit RVL und WTV sowie Ortenautarif, nördlich dann den KVV, südöstlich den Bodo, östlich den Naldo und DING, dann den VVS und VRN und noch ein paar kleinere Verbünde, die über kurz oder lang sich auch anders organisieren sollten. Ob jetzt der VRN unbedingt wie der Bodo gleich aufgestellt sein muss, darüber kann man sicherlich streiten. Der VRN gilt auch in Teilen von Rheinland-Pfalz und Hessen, der Bodo auch im bayrischen Landkreis Lindau, der DING im Landkreis Neu-Ulm.

Und was die Automaten betrifft, so wird es zumindest bei Neuausschreibungen der Schiene so sein, dass das Land Bruttoverträge vorsieht, also ihm die Einnahmen zufließen. Auch werden die verschiedensten Bahngesellschaften Leistungen anbieten, weshalb die Fahrkartenautomaten und Fahrkartenschalter nicht mehr unbedingt der DB gehören müssen.

Viele Grüße vom Vielfahrer

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Re: 40 Jahre Tarifentwicklung

Beitrag von Fridinger » Mo 27. Aug 2018, 22:43

Hoppla, da ist mir ein kleiner Lapsus unterlaufen - danke für die Klarstellung!

Die Verbundminderung ist ja eine sehr gute Aktion, allerdings könnte ich mir vorstellen, dass da auch die verschiedenen (teilweise sehr festen) Strukturen Probleme bereiten können. Während Verbünde wie der VSB mehr eine Firma sind, die sich tatsächlich primär nur um den Tarif kümmern, sind kommunale "Eigenbetriebe" wie Tuticket schon eher eine Mischung aus Verbund und Aufgabenträger - sollte sich mit dem entsprechenden Willen aber trotzdem alles machen lassen. Zumal es ja einen entsprechenden Zuschuss gibt, der da sicher nicht schlecht aussieht.
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Re: 40 Jahre Tarifentwicklung

Beitrag von Bahner » Di 28. Aug 2018, 07:21

@Fridinger

Gibt es hier in der Region bereits irgendwo einen der neuen Automaten von Scheidt & Bachmann zu besichtigen?

Karl Müller
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Re: 40 Jahre Tarifentwicklung

Beitrag von Karl Müller » Di 28. Aug 2018, 09:18

Hallo,

in Reutlingen,in der Halle stehenbereits 2 Neue, und, sinnigerweise - ohne Zugverkehr - in Marstetten-Aitrach.

Und, markant - es steht NICHT MEHR DB drauf.

Aber, warum steht auf Bahnhöfen, wo die dB nicht mehr fährt - immer groß und fett DB drauf?

Oli

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Re: 40 Jahre Tarifentwicklung

Beitrag von Fridinger » Di 28. Aug 2018, 09:28

@Bahner: Bis November und spätestens Dezember sollten überwiegend alle umgebaut sein, ich war beim Umbau in Freiburg Gleis 5 dabei - in Sulz (vorübergehend wegen Umbau versetzt) und in Tuttlingen sind aber auch schon welche. Im Ortenau-Netz, bei der AVG, auf der Zollernalbbahn Sigmaringen-Gammertingen-Hechingen und beim Seehäsle werden neu überall DB-Automaten aufgestellt, außerdem wird an Haltepunkten im Breisgau das Angebot komplettiert.

Genau, das Allgäu ist auch schon ordentlich ausgestattet - und man glaubt es nicht, aber ich hatte öfters schon Störungen während der zugfreien Zeit in Aichstetten und Tannheim, und laut Schichtabschluss machen die trotzdem ordentlich Umsatz *;-)*

Ich weiß nicht, ob das damit zu tun hat, wo die DB noch fährt - viele Unternehmen (bspw. AVG oder neu dann Go-Ahead) oder auch Verkehrsverbünde (VHB, RVF, TGO, VVS usw.) setzen ja beim Automatenvertrieb auf DB Vertrieb - damit sind in deren Bereich dann DB-Automaten, während z. B. der ZV Ringzug lieber billigere ICA-Automaten selbst aufgestellt hat.
Diese Signatur verspätet sich aufgrund von Verzögerungen im Betriebsablauf um wenige Minuten.

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