Gast der Woche: Gerd Hickmann. Leiter der Abteilung Verkehr im Ministerium

Sonstiges, worüber man sich das "Maul" zerreisen kann.
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Vielfahrer
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Gast der Woche: Gerd Hickmann. Leiter der Abteilung Verkehr im Ministerium

Beitrag von Vielfahrer »

Vieles gelang mit Beharrlichkeit

Gerd Hickmann, der Leiter der Abteilung Verkehr im baden-württembergischen Verkehrsministerium, war beim Schwäbischen Tagblatt Tübingen als Gast der Woche eingeladen.

Da die wenigsten wohl den Lokalteil des Schwäbischen Tagblatts Tübingen lesen können, habe ich den Artikel der Redakteurin Renate Angstmann-Koch über ihn, der schon als Jugendlicher zu seinem beruflichen Lebensthema fand, ins Forum gesetzt.

Mit 14 Jahren begann Gerd Hickmann Fahrpläne zu entwerfen. Er ging aufs Gymnasium im „Heiligen Korntal“ im Kreis Ludwigsburg und war auch dort Schülersprecher wie vor ihm schon Günther Oettinger. Hickmann ärgerte sich, als Fahrschüler nur beschränkt am sozialen Leben der Schule teilhaben zu können: Um 19:11 Uhr der letzte Zug zurück nach Hemmingen, am Wochenende gar keiner. Das müsste besser gehen, dachte er und legte seine Vorschläge der Betreibergesellschaft vor. Mit mäßigem Erfolg. „Man muss dicke Bretter bohren“, weiß Hickmann, den neben Fachwissen auch großer Ernst und ein trockener Humor auszeichnet, seither.

Heute leitet er die Abteilung Öffentlicher Verkehr des Landesverkehrsministeriums mit 60 Mitarbeitenden und verwaltet ein jährliches Budget von 1,5 Milliarden Euro, mit dem etwa Schienenpersonenverkehr bestellt oder Infrastrukturprojekte gefördert werden. Entrüstet wiest er die Vermutung zurück, er hätte sich als Gymnasiast nur aus eigenem Interesse ins Zeug gelegt:“ Ich wollte nicht meine Mobilitätsprobleme lösen, sondern die Welt verbessern.“

Der gebürtige Düsseldorfer war in Hemmingen auch in der Jugendbewegung aktiv. Er hat nie einen Führerschein gemacht. Im Jahr seines Abiturs 1984 schloss er sich den Grünen an. Schon mit 18 war er Sprecher ihres Landesfachausschusses Verkehr. Als „in der Wolle gefärbter Ökologe“ hat er auch den Verkehrsclub Deutschland auf Bundes- und Landesebene mitgegründet.

Größter Coup schon 1993

Hickmann begann in Stuttgart Geographie zu studieren. 1987 gestellte sich in Tübingen Wirtschafts- und Sozialgeschichte dazu. Schon als Student war er Berater der Landtagsfraktion der Grünen. „Man hat konzeptionell viel gearbeitet, aber immer für den Papierkorb“, erinnert er sich an die Anfänge in der Opposition.

Hickmann bewegen auch Fragen wie Stadtentwicklung. Er sanierte im Jahr 2000 mit seiner Partnerin Annette Schmidt, ebenfalls aus Korntal und Fraktionsvorsitzende von AL/Grünen im Tübinger Gemeinderat, ein ausgebranntes Fachwerkhaus in der Altstadt – „in privates Abenteuer“. Den 2000 geborenen Sohn und die Tochter, Jahrgang 2003, brachte das Paar auch ohne Auto groß.
Seinen größten Coup landete Hickmann schon 1993, als er sein Geographie-Diplom machte – mit einer Arbeit über die Regionalstadtbahn Neckar-Alb. Ein Jahr zuvor hatte er die Idee im Tagblatt vorgestellt. Inspiriert war er vom Karlsruher Modell. Mit Ausnahme der Tübinger Innenstadtstrecke ist die Regionalstadtbahn heute Konsens, wobei sich das Konzept nicht wesentlich verändert hat.
Hickmann vertrat seit 1989 den Kreis Tübingen in der Regionalversammlung. 1991 rückte er in den Kreistag nach, dem er bis heute angehört. Vieles wurde seither vorangebracht – etwa die Ammertalbahn, die Schönbuchbahn, der Nachtbus. Damals waren die Grünen mit ihren Positionen Außenseiter, heute sind sie im Kreistag stärkste Fraktion und prägend. Das zeige sich auch am neuen Nahverkehrsplankonzept, das einen Ausbau auf Tübinger Stadtbus-Standard mit einem ganztägigen 15- oder 30-Minuten-Takt vorsieht. Für den öffentlichen Verkehr seien heute „eigentlich alle“, sagt Hickmann. Er gehe nur darum, wie viel man für ihn ausgeben wolle.
Auch die Stadtbahn blieb lange eine Außenseiteridee. Das änderte sich, als 1999 ein Förderverein gegründet wurde und sich auch in anderen Parteien Mitstreiter fanden. Seit 2010 ist das Projekt in der Region mehrheitsfähig – mit Ausnahme der Tübinger Innenstadtstrecke. „Der Clou des Ganzen wäre natürlich weg“ antwortet Hickmann auf die Frage, was es denn bedeuten würde, wenn Tübingen sie bei der Abstimmung im September ablehnt. Das Nebeneinander von Rad- und Schienenverkehr wäre auch in der Mühlstraße kein Problem, ist er überzeugt. Das zeige sich auch in anderen Städten, die schon immer mit Straßenbahnen leben. Er sieht eher „emotionale Ressentiments als faktische Probleme“:
Manche könnten sich einfach keine Stadtbahn im beschaulichen Tübingen vorstellen.
Hickmann achte sich nach seinem Diplom als Nahverkehrsberater erfolgreich selbständig. Nach dem Regierungswechsel zu Grün-Rot 2011 holte Ressortchef Winfried Hermann den erfahrenen Mitstreiter ins Verkehrsministerium. Fünf Jahre lang leitete er die Zentralstelle, wo die Politik koordiniert wird. 2016 übernahm er als Leiter der Abteilung öffentlicher Verkehr „gerne wieder eine etwas fachlichere Funktion“. Die erste Zeit im Ministerium verlief turbulent, weil Hermann bevorzugte Zielscheibe des politischen Gegners wie auch des Koalitionspartners war. Das habe sich gelegt. Ein „Kulturschock“ war für den Tübinger auch die „extreme Formalisierung der Abläufe und der Bürokratie“. Doch dazu gebe es wohl keine
Alternative.
Ihn reizt, dass der neue Koalitionsvertrag „eine ganz neue Herausforderung“ bedeute, sagt Hickmann. Eine Mobiliätsgarantie soll sicherstellen, dass jeder Ort im Land zuverlässig von fünf Uhr bis Mitternacht zumindest stündlich erreichbar ist. Die nach frage im ÖPNV in Baden-Württemberg soll sich verdoppeln. Baden-Württemberg wäre mit einem solchen System Vorreiter. Doch auch bei der Einführung einer Nahverkehrsabgabe zur leichteren Finanzierung sind noch viele Details zu klären.

Zur Person:
1965 in Düsseldorf geboren
1969 Umzug der Familie nach Hemmingen
1984 Abitur in Korntal, dann Zivildienst am Kreiskrankenhaus Mühlacker
1986 Geographiestudium in Stuttgart
1987 Wechsel an die Uni Tübingen
1991 Einzug als Nachrücker in den Kreistag. Eine für 1992 beabsichtigte Landtagskandidatur des nach eigener Beschreibung damals "gemäßigten Realos" scheitere. Monika Schnaitmann erhielt den Vorzug.
1993 Geographie-Diplom, dann selbständiger Nahverkehrsberater
1997/98 Aufenthalt in Peru
2010 teilnehmender Experte der S21-Gegner bei der Schichtung
2011 Leiter der Zentralstelle des Verkehrsministeriums in Stuttgart
Seit 2016 Leiter der Abteilung Verkehr des Landesverkehrsministeriums

Viele Grüße vom Vielfahrer
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